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Regulierung des Bodensees

Ein Wehr im Abfluss reicht noch lange nicht

Die technische Regulierung des Bodensee-Wasserstandes – ein kaum zu rechtfertigender Eingriff

Das Jahrhunderthochwasser im Mai 1999 hat am Bodensee wieder einmal die Diskussion um eine Regulierung des Sees entfacht. Doch einem bescheidenen Nutzen stehen gravierende Nachteile gegenüber.

Zugegeben, die Vorstellung ist beeindruckend: Könnte man bei einem Hochwasser im Rhein das Wasser im Bodensee zurückhalten, dann ließe sich pro Zentimeter höherem Seespiegel ein Rückhaltevolumen von rund fünf Millionen Kubikmetern Wasser erzielen. Umgekehrt wäre den Seeanliegern im Hochwasserfall geholfen, wenn man in dieser Zeit mehr Wasser als von Natur aus möglich den Rhein hinabfließen lassen könnte. Seeregulierung nennen die Fachleute einen solchen Eingriff, der – bis auf den Walensee – heute an sämtlichen schweizerischen Seen verwirklicht worden ist.

Schon seit mehr als hundert Jahren spukt eine solche technische Lösung in den Köpfen mancher Wasserbauingenieure. Deren vorrangige Aufgabe als Techniker war es, zumindest in früheren Jahren, die Natur dem Menschen – vermeintlich – untertan zu machen. Und was könnte man neben einem besseren Hochwasserschutz mit einer Bodensee-Regulierung nicht alles erreichen: Mehr Strom aus den Wasserkraftwerken am Rhein gewinnen, den größten deutschen Fluss auch oberhalb von Basel schiffbar machen, den Seewasserstand im Frühjahr rascher anheben und im Herbst länger auf höherem Niveau halten, was Touristen und Seeanrainer gleichermaßen erfreuen sollte, das gereinigte Abwasser mit frischem Bodenseewasser verdünnen und manch anderes mehr.

Um diese kühnen wasserwirtschaftlichen Träume zu verwirklichen, planten vor allem die Schweizer bereits frühzeitig nach Kräften. Bereits 1926 hatte das Eidgenössische Amt für Wasserwirtschaft ein umfassendes Projekt zusammengestellt, das dann ab November 1933 mit Deutschland und Österreich verhandelt werden sollte. Doch dann kam der Krieg dazwischen und die Pläne wurden auf Eis gelegt. Erst 1965 gab das kräftige Bodensee-Hochwasser der Regulierungsidee neuen Auftrieb. Wiederum auf Betreiben der Schweiz wurden 1968 erneut Verhandlungen zwischen den Anliegerstaaten geführt, was schließlich 1973 zu einem weiteren Bericht des Eidgenössischen Amtes für Wasserwirtschaft über eine mögliche technische Durchführung des Projekts führte.

Um den Bodensee zu regulieren, wäre jedoch mehr als eine „Mauer“ mit regulierbarem Durchlass im Abfluss erforderlich. Notwendig wäre eine Vertiefung des Rheins vom Eschenzer Horn bis zum Schupfen unterhalb Rheinklingen, also etwa über eine Länge von zehn Kilometern. Hinzu käme der Bau eines Regulierwehres mit Schleuse zwischen Hemmishofen und Rheinklingen (Landtagsdruckssache Baden-Württemberg vom 7. 3. 95, 11/5563). Ein solcher Eingriff wäre technisch sicherlich machbar. Er wäre aber wegen seiner Größenordnung nicht nur ziemlich kostspielig, sondern ließe sich heutzutage – wenn überhaupt – nur mit einem riesigen politischen Abstimmungsaufwand durchführen.

Da mit der Regulierung erhebliche Folgen für die komplexen ökologischen Bedingungen am See verbunden sind, wäre ohne Frage eine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich. Dabei würden nicht nur die nachteiligen ökologischen Konsequenzen, etwa für die Schilfgebiete, zur Sprache kommen, sondern es müßte auch eine kritische Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt werden. Dies aber würde schnell den sehr begrenzten Nutzen und die zahlreichen Unwägbarkeiten dieses Eingriffs selbst beim Hochwasserschutz aufzeigen.

So könnte man bei Hochwasser am Bodensee in der Regel nicht beliebig viel Wasser rheinabwärts fließen lassen, weil es dann dort zu Problemen käme. Auch ließe sich mit dem Rückhalten von Wasser im Bodensee für den Rhein nur ein sehr begrenzter Nutzen erzielen, weil zum einen das meiste Wasser aus der Aare kommt und zum anderen die Fließstrecke bis nach Mannheim oder gar Köln mit den vielen Zuflüssen viel zu lang ist für ein halbwegs sinnvolles Hochwassermanagement am Bodensee. Dazu wäre eine zuverlässige mehrtägige Vorhersage für Niederschläge und Abflüsse für das gesamte Einzugsgebiet erforderlich. Die aber ist nicht möglich – und wird auch in absehbarer Zukunft nicht möglich sein.

Es verwundert daher nicht, dass eine Bodenseeregulierung nicht nur bei Naturschützern, sondern auch bei Wasserbauingenieuren und Wasserwirtschaftlern auf wenig Gegenliebe stößt. Und selbst die Bevölkerung am See steht einem solchen Vorhaben ablehnend gegenüber, wie eine 1973 durchgeführte Volksbefragung im Kanton Thurgau signalisierte: Damals wurde die Kantonsregierung durch einen Verfassungszusatz verpflichtet, sich gegen die Bodenseeregulierung zu wenden.

Diesen Artikel finden Sie auch in Seespiegel-Ausgabe Nr. 11Download-Link(PDF-Datei, 11,77 MB).

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